Gefühls-Kekse … Gesprächs-Kekse

Es ist Samstag, Kindertrauergruppenzeit mit Karin und Birgit bei Lavia Institut für Familientrauerbegleitung. Die Kinder im Alter zwischen 7 und 10 Jahren bemalen Kekse mit Zuckerpaste. Erst malen, später essen. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen :-), wobei auch das arbeiten in der Regel als Vergnügen empfunden wird. Trauer-Arbeit für Kinder, deren Mamas oder Papas verstorben sind.

Nachdem die Jungen und Mädchen von ihren Ferienerlebnissen – zum ersten Mal ohne Mama oder Papa oder schon zum wiederholten Mal – erzählt haben, bekommen sie die Aufgabe, drei Kekse zu den folgenden Themen zu gestalten: Was macht mich glücklich, was macht mir viel Spass? Was besorgt mich, was macht mir Angst oder nervt mich? Was wünsche ich Mama oder Papa im Himmel, während ich auf der Erde lebe?

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Franzi mag Akrobatik, Freunde, ihre Familie und Kunst. Allerdings nerven sie der Tod, Mathe, Deutsch, ach eigentlich die Schule grundsätzlich. Ihrem Papa wünscht sie Glück und Freude da oben.

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Sina mag Nintendo und Pu spielen, die KJG-Gruppe, Spass mit Papa. aber sie mag es nicht, dass auf Mamas Grab ein Grabstein aufgestellt werden soll.

Warum kein Grabstein? Das sind dann die Fragen, die wir in den Gruppen auch aufnehmen. Gründe könnten sein: „…aber wenn es mal eine Auferstehung geben sollte, wie kommt Mama da raus, wenn doch ein Stein oben drauf liegt?“ Oder: „…ich will das nicht sehen, nicht lesen, dass meine Mama hier liegt, ich versuche das doch immer zu verdrängen…“ Oder: „…das Grab ist viel schöner ohne Stein…“

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Der Gedanke bei dieser Gruppenstunde war: „Sich immer wieder bewusst machen, dass es neben Traurigem auch Schönes gibt. Das Leben bewegt sich nicht im Tiefgang weiter. Und es geht darum, Sorgen zu benennen und nach Auswegen zu suchen, Wünsche formulieren zu können und auch dadurch eine Sprache zu den Verstorbenen zu finden.“

Immer wieder erleben wir bei Lavia Menschen, die sagen: „Nein, ich kann nicht mit dem Verstorbenen reden. Es tut mir zu weh!“ Und auch dafür stehen Trauergruppen, dass ich trauern lernen kann, Schmerzen aushalten und gutes Weiterleben mit anderen teilen darf. Und die Kindertrauergruppen stehen dafür, dass man Kekse essen, lachen, bedauern und betrauern, ja und herum springen kann. Dass das Eine das Andere nicht ausschließt.

Der Förderverein Lavia Trauerbegleitung e.V. unterstützt die Arbeit in den Trauergruppen.

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Was würdest du gerne im Abschiedbrief lesen?

Ich bin zurück aus dem Krankenhaus, habe dort bei einer sterbenskranken Frau am Bett gesessen . Die junge Mutter hat 2 Briefe an ihre Kinder geschrieben. Pit ist 5 Jahre alt, Luisa ist acht. Seinen Teddy hat Pit Bei Mama im Bett liegen lassen. Es ist Abend.

Ermöglicht wird dieser Besuch durch den Förderverein Lavia Trauerbegleitung.e.V.

Krankenhaus Bett Galgen Teddybär

Es fällt so schwer, den Brief zu beginnen. Welche Ansprache? Und die Gedanken, Gefühle schwirren, womit fängt man an? Nicht zu fröhlich, aber auch nicht zu schwer? Beim Gedanken an einen Brief, in dem die Mutter den Kindern noch mal schreiben kann, was sie so an ihnen liebt, worauf sie stolz ist und was sie ihnen wünscht laufen schon die Tränen. Dürfen sie auch. Was sie gerne vererben will…nein, nichts Materielles, etwas von sich…vielleicht. Wir haben vorher darüber gesprochen, überlegt. Ich habe Briefpapier mitgebracht.

Und dann lacht die Mutter plötzlich los: „…am besten ich schreibe: Und sei immer schön lieb, pass gut in der Schule auf, sei nicht so traurig, räum immer dein Zimmer auf …“

Und wir lachen beide, unter Tränen. Ja, genau das ist es, was nicht in einen vielleicht letzen Brief an die Kinder gehört. Genau das ist es aber oft, was Eltern ihren Kindern mitgeben. Es sind viel zu schwere Aufträge. Und vielleicht auch viel zu unpersönliche Gedanken? Ja, sie sind mütterlich und väterlich gemeint, wir wünschen den Kindern das beste, den einfacheren Weg, keine Traurigkeit. Dennoch, ich finde, wir Väter, wir Mütter dürfen nicht im Leben abtreten und unseren Kindern als Botschaft hinterlassen: „Und pass schön in der Schule auf.“

Ich glaube, in die einzelnen Briefe hat die Mutter etwas geschrieben von Liebe und Stolz. Und dass die Kinder so, wie sie sind, „richtig“ sind. Bedingungslos.

Love letters

Was würdest, bzw. hättest du gerne gelesen, wenn du einen Abschiedsbrief von deiner Mutter oder deinem Vater bekommen würdest?

Und, glauben Sie: diese trauernden Familien zu unterstützen heißt gleichzeitig, unsere Gesellschaft zu stärken.

Vor einiger Zeit stand eine junge Frau bei uns um 17 Uhr in der Praxis. Ihr Mann hatte vor einer Woche einen Verkehrsunfall, nun lag auf der Intensivstation und sie hatte vor einigen Stunden die überraschende Nachricht dort erhalten: „Ihr Mann ist hirntot.“ Die Kinder dieser Familie waren 13, 7 und 4 Jahre alt. „Wie sage ich das meinen Kindern!?“ fragte sie verzweifelt.

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Mit einem Kaffee setzen wir uns an den Küchentisch und sie erzählte, was geschehen war, was die Kinder mitbekommen hatten und wie sie bisher reagiert hatten. Gemeinsam überlegten wir, wie sie es in meinem Beisein den Kindern erklären könne, dass der Vater in den nächsten Tagen wahrscheinlich sterben würde. „Wer bezahlt Sie eigentlich“, fragte sie mich im ersten Gespräch. „Kann ich das bei der Krankenkasse einreichen?“ Nein, die Krankenkasse bezahlt diesen Einsatz nicht, auch keine öffentliche Stelle der Stadt. Das Honorar der Trauerbegleitung ist ein berechneter Satz, den man nehmen muss, um selbstständig in diesem Bereich tätig zu sein. Stundensätze berechnen auch Wohlfahrtsverbände den Jugendämtern, wenn sie Erziehungshilfen anbieten. „Dieses Geld, selbst weniger, kann ich gar nicht bezahlen“, sagte die Mutter. „Ist ok“, sagte ich, „jetzt schauen wir erst mal, wie es weiter geht …“

***

Immer wieder gibt es die Diskussion, ob ein Trauerbegleitung, ob ein Förderverein für Familientrauerarbeit öffentlich unterstützungswürdig ist. Städte, deren Haushalte verschuldet sind, müssen eine eigene „Messlatte“ aufstellen, welchen Familien sie in welchen Missständen helfen wollen, um diesen in der Gesellschaft eine Chance anzubieten. Jugendämter unterstützen i.d.R. Familien, in denen Kinder vernachlässigtt werden. Da, wo Kindeswohl akut gefährdet ist. Es wird Erziehungsberatung, Zeitmanagement, Haushaltshilfe, Hausaufgabenhilfe, Freizeitmöglichkeiten u.a. angeboten. Präventiv und aktuell. Wie sieht es mit Hilfe bei erschwerter Trauer aus? Akut und präventiv?
Krankenkassen bezahlen manchmal Psychotherapeuten in Trauerfällen-jedoch benötigen Trauernde keine Psychotherapie, wenn sie bisher dafür kein Krankheitsbild oder psych. Auffälligkeit entwickelt haben.
Trauernde haben keine Störungen, die therapeutisch behandelt werden müssen, sie sind „nur“ traurig und das manchmal ganz feste. Eine Störung könnte sich aber daraus entwickeln, wenn nicht präventiv gehandelt wird.
Trauerbegleitung wird i.d.R. von Familien persönlich angefragt. Es sind meist Familien, die fürs Jugendamt unauffällig gelebt haben, deren Kinder durch ihr Zuhause gefördert groß werden.
Selten melden sich die Nachbarn, Ärzte, Lehrerinnen oder Erzieher beim Jugendamt und benennen „Schwierigkeiten“ in der trauernden Familie. Jedoch geben diese, incl. Jugendämter, die Adresse der Familientrauerbegleitung weiter. Eine hilfreiche Geste!

Ok, die Mutter, werdende Witwe fragte grade nach der Bezahlung. Genau jetzt wäre der wirtschaftliche Zeitpunkt gekommen, ihr zu sagen: „Überlegen Sie einmal, ob Ihnen die Bezahlung nicht doch möglich ist. Und wenn ja, dann melden Sie sich später.“ Oder: „Wenden Sie sich bitte an das Jugendamt, Sie haben ein Recht auf Unterstützung.“ Was aber, wenn um diese Uhrzeit kein Sozialarbeiter mehr kommen kann? Was, weil es dann erst ein Hilfeplangespräch geben muss, bei dem dann die zuständige Abteilung entscheidet, ob Trauerhilfe geleistet und finanziert wird oder nicht-und der Vater schon vor der Entscheidung verstorben ist? Was, wenn dann ja gesagt wird, aber niemand im Amt oder den Wohlfahrtsverbänden eine Trauerbegleitungsausbildung besitzt, sich nicht sicher fühlt?

1½ Stunden später saßen wir bei der Mutter zuhause am Küchentisch, alle drei Kinder anwesend.
„… und dann haben die Ärzte gesagt, dass Papa nicht mehr gesund wird. Sie können nun nur noch dafür sorgen, dass er keine Schmerzen mehr hat. Papa wird sterben …“

Sad teenager sitting on window

Der 13-jährige Sohn saß wie erstarrt und schaute grade aus. Der Siebenjährige weinte laut auf und kletterte zur Mama auf den Schoß. Die Vierjährige lief los, um Malpapier zu holen. „Ich male dem Papa ein Bild, zum Glück ist er jetzt noch nicht tot“, sagte sie beschäftigt.

Little girl drawing with paint and paintbrush

„Und was ist, wenn’s doch ein Wunder gibt?“ fragte der 13-Jährige in den Raum. „Schatz“, sagte die Mutter, die ruhig wirkte. „Du musst Papa sehen, dann weißt du, dass er so nicht mehr richtig leben kann. Dann weißt du, dass es kein Wunder zum Gesundwerden oder überhaupt leben geben kann.“
Es wurde deutlich, die Kinder wollen, müssen den Papa noch mal sehen, müssen sich davon überzeugen, dass er wirklich nicht mehr-wie beim letzten Besuch nach dem Unfall ansprechbar ist. Ein Anruf im Krankenhaus und wir konnten mit allen Kindern auf die Intensivstation kommen. Viel Zeit blieb nicht mehr.
Ein Segen für die Familie in dieser Situation, dass das Ärzte- und Pflegeteam um die Wichtigkeit von Begreifen und Abschiednahme auch bei Kindern wusste.
Die Bezugskrankenschwester erklärte uns die Apparaturen, der Anästhesist den größeren Kindern die medizinische Situation, auch, warum ein Heilungswunder nicht mehr möglich sei.

***

In allen Gesprächen nahm ich als Trauerbegleiterin im Gespräch viele Fragen und Gedanken der Kinder auf, achtete auf kindgerechte medizinische Erklärungen. Darum hatte zuvor auch das Intensivteam gebeten – eine gute Kooperation.
Die Mutter saß am Bett, im Wechsel die  vierjährige und den siebenjährigen Sohn auf dem Schoß. Die 4jährige war zudem aktiv unterwegs. Legte dem Papa das Bild auf das Bett, streichelte seine Hände, schaute sich im Zimmer um. Der Siebenjährige schaute, weinte, fragte. Der 13-Jährige stand neben dem Vater, schweigend. Man sah ihm das Zwiegespräch mit dem Vater, der ein zugewandter, liebevoller und fördernder Vater war, an. Die Hand des Sohnes ging vor, er wollte den Vater berühren … dann wieder zurück….so wie damals…als er noch an Papas Hand ging?

father lead by hand his son, summer forest nature outdoor „Hey…sagte ich. „Das ist jetzt komisch, was? Wenn Papa wach wäre, würdest du ihn auch streicheln?“ Er schaute mich an, grinste, schüttelte den Kopf. „Ja“, sagte ich, „deshalb ist es jetzt Streicheln auch komisch, weil es ungewohnt ist. Aber du kannst ja trotzdem auch einfach mal kurz anfassen und gucken, wie Papa sich anfühlt … wenn du magst.“ Er berührte den Unterarm … und von da an war „der Bann gebrochen“. Bis zur Verabschiedung streichelte er den Vater an Hand und Arm, ganz langsam, ganz liebevoll. Wir gingen nach über einer Stunde nach Hause. Auf dem Rückweg nahmen wir noch etwas zu essen mit nach Hause, sprachen über den Besuch. Die Stimmung im Auto war entspannt, alle erzählten, außer die Vierjjährige, die einschlief. Der Vater verstarb am frühen Morgen.
In der Trauerbegleitung folgten noch Gespräche mit der Mutter, auch durch eine weitere Trauerbegleiterin. Es gab gemeinsame Beerdigungsvorbereitungen, auch Trauergruppenstunden, an denen die beiden älteren Kinder seitdem teilnehmen.

***

„Wer soll das bezahlen?“ war anfangs die Frage der Mutter. Ich sagte später: „Vielleicht kann es ja eine Möglichkeit sein, Ihr bittet Beerdigungsgäste, etwas für den Förderverein Trauerbegleitung e.V. zu spenden. Damit dem Verein durch diese Gelder ermöglicht wird, unkomplizierte akute Hilfe für weitere Familien zu leisten.“ Ihre Antwort war: „Wenn wir tatsächlich etwas Geld zur Beerdigung bekommen, dann müssen wir das nutzen, um den Kredit abzuzahlen, den wir für die Bestattung aufnehmen müssen.“ Geld für einen Sarg haben die wenigsten jungen Familien zurückgelegt.

Es sind ganz „normale“ Familien aus der „guten Mittelschicht“, die plötzlich und unerwartet Unterstützung, Hilfe zur Selbsthilfe in einer Krisenzeit benötigen. Könnte es ihre Familie sein?

Oder die ihrer Kinder, die finanziell noch nicht so abgesichert sind, sich eine Lebensversicherung zu leisten?

Der Förderverein Trauerbegleitung sagt deutlich, dass er es als gesellschaftliche Verpflichtung sieht, unkompliziert diejenigen, die durch einen Trauerfall in Not geraten, zu unterstützen. Und, glauben Sie: diese trauernden Familien zu unterstützen heißt gleichzeitig, unsere Gesellschaft zu stärken. Es sind oft starke Familien, die vorübergehend aus der Bahn geworfen werden. Damit die Kinder und Jugendlichen wieder auf die „Spur“ kommen, ist manchmal Hilfe nötig. Unser Sozial- und Krankensystem würde für diese Kinder und Jugendlichen erst bezahlen, wenn sie die Schule schwänzen, sozial auffällig werden, Drogen nehmen, aggressiv, vielleicht kriminell reagieren oder an Depressionen erkranken.

Jugendlicher mit  HandschellenFamilien in Trauersituationen benötigt in Akutsituationen 10 bis 15 Stunden Trauerbegleitung, manchmal reichen auch schon fünf Stunden für eine Beratung aus.
Gelder aus dem Förderverein dienen dazu, trauernde Familien zu unterstützen so wie Fördergelder in Hospizen  Honorarangestellte ermöglichen und weitere Gestaltungsmöglichkeiten in der hospizlichen Begleitung.

Und deshalb benötigt der Förderverein Unterstützung, um die Kinder- und Jugendtrauergruppen, auch die Akuthilfe zu unterstützen. Um Familien zu helfen! Um einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten!

Haben Sie Fragen? Oder Lust, Helfer, Förderer, Sponsor zu werden? Sprechen Sie Dr. Gudrun Altgassen oder Andreas Schellhase, den Vorstand des Fördervereins an.

Mail: kontakt@foerderverein-trauerbegleitung-ev.de. Kontonummer:
Förderverein Trauerbegleitung e.V.
Sparkasse Gelsenkirchen
IBAN: DE18 4205 0001 0160 1452 79
BIC: WELADED1GEK

„Was gibt es denn da zu heulen?! Die Haare wachsen doch wieder nach…“

Luise ist 6 Jahre alt. Sie hat lange braune Haare und ist sehr stolz darauf. Sie mag es, wenn die Mutter ihr dir Haare bürstet, Zöpfe flechtet oder ihr eine Hochsteckfrisur macht. Von ihrer Patentante hat sie bunte HAarbänder geschenkt bekommen, ein Schmuck ist das für sie.

Als sie noch das erste Schuljahr besucht, bekommt Luise eine kleine Schwester, Marlene. Marlene ist herzkrank, sie nimmt viel Kraft, Energie und Zeit der Eltern, vor allen Dingen der Mutter in Anspruch. Und dann kommt der Tag, an dem die Mutter eine Schere nimmt und Luise die Haare abschneidet. „Es macht zuviel Arbeit, das schaffe ich jetzt nicht auch noch“, klagt sie. Luise widerspricht nicht. Widersprechende Kinder waren vor 55 Jahren selten. Als ihr stumm die Tränen runter liefen, sagte die Mutter: „Was gibt es denn da zu heulen?! Die Haare wachsen ja doch wieder nach. Und praktischer ist es auch.“

Haare ab

Heute ist Luise 61 Jahre alt. In einem Seminar geht es darum, Verluste aus der Kindheit anzuschauen und zu überlegen: „Wen oder was habe ich damals in der Kindheit verloren? Wer oder was hat mir anschließend gut getan? Wer oder was hat die Trauer noch verstärkt.“

Luisa entschuldigt sich in ihrer Kleingruppe, weil sie etwas betrauert, was kein menschlicher Verlust ist. „Nein, also…eigentlich ist es ja nicht so schlimm. Es ist ja gar keiner gestorben. Es ist, es war ja nur…“ Ein versuchtes, entschuldigendes Lachen… „Also, und als meine Mutter die Schere nahm udn ich hört, ich spürte wie die Haare abfielen, da wurde ich ganz starr. Ganz leer. Sie hat es nicht gemerkt…ja, sie hatte ja auch zuviel Arbeit.“ Die Tränen laufen, Luise entschuldigt sich. „Ach, egal, quatsch, …es ist nichts gegen das, was ihr erlebt habt. Bei mir ist damals niemand gestorben. Waren doch nur die blöden Haare…“

前髪を美容師に切られる女の子

Nein, es waren nicht nur die „blöden“ Haare, die ja wahrscheinlich wunderschön waren. Neben den Haaren, dem sich schön sein finden, dem Schutz hat Luise auch die Zeit und Zuwendung der Mutter ein großes Stück verloren. Jeden Tag 1-2 Mal die Haare kämmen bedeutete auch, Mutters Zeit und eine Form von Zärtlichkeit, Berührung zu bekommen. Auch das war vor 55 Jahren nicht so üblich, mit Kindern zärtlich umzugehen. Da konnte Haare kämmen schon sehr viel bedeuten.

Luise hat die Geschichte, die Haare und die Überforderung der Mutter beweinen, besprechen und somit betrauern können. Und alle in der Gruppe sagten ganz deutlich, dass sie ihre Trauer nicht hinten anstellen muss. Jeder trauert bei einem eigenen Verlust bis zu 100%. Trauer kann nicht gewertet werden.

Sonnenseiten, Glücksmomente und Honigtropfen auf Papier – Von der Kunst, die Schönheit des Lebens in Worte zu fassen. Samstag, 11.10.2014

Schreiben Sie einen Blog? Sie wissen nicht, womit Sie beim Schreiben anfangen sollen?

Haben Sie ein Tagebuch?

Wenn ja: Nutzen Sie es als lieben Brieffreund, als Journal oder als geheime Mülldeponie für alles, was Sie bedrückt? Oder liegt es irgendwo im Schrank und rührt sie manchmal, weil es so geduldig ist und nur ganz selten und ganz leise seufzt?
Vielleicht haben Sie sich auch vor Kurzem wieder einmal eines gekauft – ein Tagebuch, das so neu ist, dass Sie … sich noch gar nicht trauen, es anzufassen. Oder es liegt noch im Schaufenster der Papierwarenhandlung, an der Sie immer wieder vorübergehen – hübsch blau oder frühlingsgrün zwinkert es Ihnen zu, es scheint Sie zu rufen, aber noch gehen Sie vorbei …
Möchten Sie lernen, wie Ihr Tagebuch zum lebendigen Freund, zur Schatzkiste guter Momente, zum patenten Entwicklungshelfer und beflügelnden Mutmacher werden kann? Haben Sie Lust, sich selbst und das Leben wieder achtsam und liebevoll zu betrachten, Details zu bestaunen und dem, was Ihre Liebe erweckt, ein Innehalten und eine Hand voll zärtlicher Worte zu schenken?
In diesem Seminar zeigt Barbara Pachl Ihnen, wie Sie Ihren Stift mit launiger Leichtigkeit in Schwung bringen können, wie Sie Gedanken sammeln und in Formen gießen und wie das, was vor Ihrer Nase liegt, zu wohlschmeckenden Worten werden kann. Liebevoll betrachten, beschreiben und polieren wir, was es da zu sehen gibt – außen und innen, in der Welt, in der Luft und in Ihnen selbst.
Schreiben – in guten und in schlechten Zeiten. Die schlechten Tage ein wenig besser werden lassen, am Papier, und schließlich auch im Herz. Und den guten Tagen ein Nest bereiten. Augenblicke sammeln, Momentaufnahmen und Stimmungsbilder, die die Welt ein kleines bisschen besser werden lassen. Nur am Papier? Nein. Das Papier ist der Anfang. Das Leben folgt dankbar, es hat nur darauf gewartet, dass wir zu schreiben beginnen.
Wann geht es los? Jederzeit…spätestens am 11.10.2014.

student works in library

Kreatives Schreiben und Poesiepädagogik
Schreiben hilft,
Ordnung im Kopf zu machen.
Geschichten abseits des Alltäglichen aufzuspüren.
Neue Blickwinkel zu erobern.

Schreiben heilt,
weil es Sprachlosigkeit überwindet,
weil es festgefahrene Sichtweisen erlöst,
weil es uns die Hoheit über unsere eigene Geschichte zurückgibt.
Schreiben macht Spaß,
wenn Spielen erlaubt ist,
wenn Kunst entsteht,
wenn sich Kreativität voll Leichtigkeit entfaltet.

Opened book with flying letters

Schreiben, das heißt für mich vor allem:
Den inneren Kritiker für eine Weile auf Urlaub zu schicken. Diese innere Stimme, die uns tagtäglich erzählt, dass wir nicht gut genug sind, für einen Moment zum Schweigen zu bringen. Und ein paar Stunden lang … frei zu sein. Ich habe den Verdacht, dass dieser strenge Zensor etwas mit dem berühmten „Ego“ zu tun hat, das wir doch so gerne hinter uns lassen würden.
Was passiert, wenn wir mögen, was wir tun? Wenn wir aus der Fülle schöpfen? Wenn wir den Wasserhahn aufdrehen und … einfach mit Freuden loslegen?
„Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.“
(Mark Twain)
Ort
APD Gelsenkirchen
Pastoratstraße 1, 45879 Gelsenkirchen. (D)
Datum | Uhrzeit
Samstag, 11.10.2014 | 10:00 – 18:00 Uhr
Kosten 85€ incl. GEtränke (Kaffee, Tee und Wasser)

Anmeldung bei Lavia Institut für Familientrauerbegleitung Mechthild Schroeter-Rupieper
info@familientrauerbegleitung.de

Foto Barbara PAchl-Eberhart: aus der Facebook Chronik

Robin Williams hat sich das Leben genommen. Ja, wer hätte das gedacht?

Robin Williams hat sich das Leben genommen. Am Samstag gab es einen Einsatz über den Förderverein Lavia Trauerbegleitung e.V., weil sich ein Vater das Leben genommen hat.

Heute war ein Vater da, dessen Kind sich das Leben genommen hat. Warum habe ich nicht helfen können? Warum habe ich nichts geahnt? Warum habe ich nichts gesehen? Warum habe ich nicht „retten“ können? Ich fühle mich so schuldig!

 Robin Williams

Ja, und dann schaue ich mir das Bild hier an und denke: „Na, wer hätte das gedacht! Hat er es gezeigt?“ War irgendwann der Alkohol die Strategie, Probleme zu überspielen, um zu verdrängen, bzw. überhaupt leben zu können? Nicht immer wird er zum feiern eingesetzt.

Und dann? Wer wird sich dort nun fragen: WARUM habe ich nichts bemerkt? Also, wenn ich mir das Foto mit dem Schmetterling anschaue, wenn ich Bilder von Preisverleihungen vor Augen habe, ich fand da eigentlich nix auffällig. Wobei…woran fällt eine Depression von großer Schwere denn auf? Ich sehe es doch dem Menschen mit dem Herzinfarktrisiko auch nicht unbedingt an. Und meine Freundin hat Krebs und auch ihr sah man bis zur Therapie nix davon an.

Dem Vater sagte ich heute: Bei Robin Williams sagen wir mittlerweile selbstverständlich (aussenstehend): „Das können Depressionen verursachen.“ Ich habe heute noch keinen gehört, gelesen, der gesagt hat: „Das ist bestimmt die neue Frau in Schuld. Oder seine Tochter.“

Auch bei Robert Enke habe ich davon nichts gehört, keiner hat -soviel ich gehört habe- seiner Frau die Schuld für den Tod gegeben.

Aber dieser Vater sitzt hier und sucht die Schuld bei sich. Und die Familie am Samstag suchte sie auch bei sich. Robin Williams und andere werden sich die Depression nicht ausgesucht haben. Menschen in meinem Umfeld haben sich auch den Krebs nicht ausgesucht. Oder den plötzlichen Herzinfarkt. An all‘ dem kann man sterben. Ich glaube, sie sterben alle nicht freiwillig. Es ist eine Folge einer Erkrankung, psychisch oder physisch.

Von nicht wenigen Jungen und Mädchen, die die Trauergruppen bei Lavia besuchen, haben sich Vater oder Mutter selbst getötet. Auch besuchen jugendliche Geschwister die Gruppen von Lavia Institut für Familientrauerbegleitung, deren Bruder oder Schwester einen Suizid begangen haben. Seit dem Tod von Robert Enke ist das Thema „Suizid“ in der Öffentlichkeit nicht mehr ein so großes Tabu-Thema. Wenn es jedoch in den Familien geschieht, spürt man oft, dass das ehemalige Verhalten der Gesellschaft tief in uns sitzt. Schuldgedanken sind meist deutlichst größer wie bei anderen Todesursachen. Auch Schuldzuweisungen untereinander sind nicht selten.
Es gibt das Gefühl: Nur bei uns ist so ein Drama geschehen. Nein, aus meiner Erfahrung und mit dem Wissen um Statistiken heraus sagen wir in der Trauerbegleitung immer wieder. „Wir vermuten, dass in fast jeder Straße eine Familie lebt, in der sich ein Angehöriger das Leben genommen hat.“
Nein, die Mutter, die sich das Leben nahm, ist keine „Rabenmutter“. Sie wird krank und verzweifelt gewesen sein, wird den Suizid nicht als Spaß genutzt haben.
Nein, auch ihr Mann, der sich von ihr kurz vorher getrennt hat, ist nicht ihr Mörder. So einfach funktioniert das nicht. Ausserdem, wenn Trennung der alleinige Grund für eine Selbsttötung wäre, dann gäbe es hier im Lande innerhalb von Beziehungen sicherlich über 40% mehr Tote.
Ja, es kann Zusammenhänge von ungünstigen Faktoren geben, aber bei all dem geht es nicht um beurteilen, verurteilen, sondern um Gespräche, um Austausch, um Geschehenes zu reflektieren, vielleicht etwas zu verstehen und auch um vorzubeugen. Nichts zieht mehr Folgesuizide als das große Schweigen danach hinter sich her!
Wir müssen immer wieder darauf hinweisen, dass am Suizid Angehörige keine Mitschuld tragen – in unserer Nachbarschaft, in öffentlichen Berichten und mit unserer eigenen Haltung. Und wir müssen immer wieder schauen, dass wir so über andere Schicksale sprechen, wie wir es auch erleben wollten, wenn sich der eigene Partner, die Schwester, das Kind oder ein Elternteil das Leben nimmt.

Robin Williams God will...
Schade Robin Williams, du wirst uns mit neuen Filmen im Fernsehen fehlen! Danke für die alten Filme!

Der direkte Draht zum Himmel…

Abendhimmel

Auf der Rückfahrt von Assisi haben wir im Pitztal Halt gemacht und dort im Heu geschlafen, weil wir nirgends mehr spontan ein Zimmer bekommen hatten. Am Abend saßen wir mit Christel, der Wirtin draußen am Tisch. Sie erzählte, wie sie als Kind dort auf dem Reiterhof groß geworden sei.

Tirol

Ihr Vater starb, als sie 12 Jahre alt war. Dann gab es nur noch die Mutter und den 15 Jahre älteren Bruder Michael. Michaels Bedeutung veränderte sich durch den Tod des Vaters: er blieb Bruder, wurde aber auch zum Freund und Vaterersatz. Für Christel ein ganz wichtiger Mensch.
Michael starb, als Christel 40 Jahre alt war. Ihre Traurigkeit war groß, aber dann veränderte sich plötzlich für sie etwas, weil sie einen neuen Gedanken für sich entdeckte.
„Weißt du,“ sagte sie zu mir. „Meine Schwägerin war unserer Familie nicht so wohl gesonnen. Etwas seltsam war sie schon. Wenn ich angerufen hatte um meinen Bruder zu sprechen, konnte es sein, dass ich sie am Telefon hatte und sie hat einfach gesagt, er sei nicht da, auch wenn das nicht stimmte.

Und als Michael tot war, habe ich eines Tages einfach gemerkt, gespürt: Irgendetwas hat sich in der Trauerigkeit verändert. auch wenn er nicht mehr hier ist…aber jetzt ist er für mich eigentlich immer ansprechbar! Ich kann ihn direkt ohne Umwege erreichen, egal wo ich bin. Ob in der Küche, im Stall, beim Einkaufen und sogar wenn wir mal in den Urlaub fahren. Und ich spreche oft mit ihm. Die Schwägerin kann da gar keine Unterbrechung mehr schaffen.“

 

 

Plötzlich ist der Tod ein Thema- Wenn nach dem Tod des Vaters die Mutter des Kindes tödlich erkrankt…

Plötzlich ist der Tod ein Thema ein WAZ Bericht von Inge Ansahl
Gelsenkirchen.
Als Ute Drinkmanns Mann starb, war ihr Sohn neun Jahre alt. Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper und die Kindertrauergruppe haben ihm und damit auch seiner Mutter geholfen. Anfang 2014 kam der nächste seelische Einschlag …

Als sein Vater vor vier Jahren starb, da war David gerade mal neun Jahre alt. Und am Boden zerstört. „Mit mir hat er in der ersten Zeit nach dem Tod meines Mannes überhaupt nicht geredet. Ich war die Schuldige, weil ich seinen Papa ins Krankenhaus gebracht habe“, blickt Ute Drinkmann auf diesen emotionalen Tiefpunkt in ihrem Leben zurück. Warum sie in den Augen des Jungen schuldig war, erklärt sie mit dem Verlust von Opa und Oma, ihren Eltern. Beide waren im Krankenhaus gestorben. David kombinierte: Krankenhaus gleich Tod.

Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper war auf Vermittlung einer Gemeindereferentin unmittelbar nach dem Tod des 45-jährigen Familienvaters zur Stelle, bot der Witwe und ihrem Sohn Hilfe an. Mit ihr redete David schließlich – und besuchte fast vier Jahre lang die Kinder-Trauergruppe des Fördervereins von Lavia, dem Institut für Familien-Trauerbegleitung.

Jugendgruppe4

Und heute, alles gut? Ganz im Gegenteil . . .
Die Sorge, in ein Heim zu müssen

Der nächste seelische Einschlag kam Anfang 2014. Bei Ute Drinkmann wurde Brustkrebs diagnostiziert . „Machen Sie sich keine Sorgen, das kriegen wir in den Griff“, hat man ihr zunächst glaubhaft versichert. Es folgten weitergehende Untersuchungen – und machten jede Zuversicht zunichte. Der Tumor in der Brust hatte bereits massiv gestreut. Metastasen wurden in Lunge und Leber, in Teilen der Knochen, eine im Kopf entdeckt. Die 45-Jährige, die sich bis dahin topfit gefühlt und gern im ambulanten Pflegedienst gearbeitet hatte, musste ihrem inzwischen 13-jährigen Jungen die Wahrheit sagen. „Das war ganz schlimm“, erinnert sie sich. Wieder drohte David, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Und wieder war Mechthild Schroeter-Rupieper zur Stelle. Behutsam erforschten beide Frauen – die professionelle Trauerbegleiterin und die besorgte Mutter -, was David am meisten quälte. Und das war die Vorstellung: „Wenn Mama stirbt, muss ich ins Heim.“ Muss er nicht. Das ist geklärt. Er würde zu seinem Patenonkel, dem Bruder von Ute Drinkmann ziehen. David durfte sich selbst aussuchen, wo er leben möchte, wenn . . .
Durchhängephasen kamen in der ersten Zeit häufiger vor

Ja, wenn . . . Ute Drinkmann sagt, sie habe über den Tod nachgedacht, sich gefragt, ob man das merke, ob das Sterben qualvoll sei? „Aber wenn man sich gut fühlt, denkt man eher nicht an den Tod“, sagt sie. „Der Tod trifft einen ja überall.“ Sie möchte auch nicht über ihre Beerdigung nachdenken, wie manche es tun, die zu Lebzeiten genau festlegen, wie sie sich den eigenen Abschied wünschen. Für die kranke Frau dreht sich alles um David. „Ich denke an alles, was für ihn wichtig ist.“ Und sie kämpft. „Mein erklärtes Ziel ist: Ich muss 50 werden, dann ist David 18 Jahre alt.“

Durchhängephasen? „Ja, die gibt es. Anfangs kam das häufiger vor.“ Ob Ute Drinkmann an Gott glaubt? Die 45-Jährige sagt’s gerade heraus: „Als mein Mann gestorben ist, da war ich richtig sauer auf den. Aber wir haben so viel durchgemacht und überstanden, da hat er sich für uns wohl diese neue Prüfung ausgedacht . . .“ Ein Lächeln huscht um ihre Mundwinkel. „Weil wir stark sind.“
Das betroffene Umfeld ist emotional zu nah dran

In ihrer Situation erkenne man wahre Freunde, die bedingungslos hinter einem stehen, sagt sie, die erwartet, „dass die Leute normal mit mir umgehen. Traurig sein können die immer noch, wenn es zu Ende geht.“ Obwohl es anfangs schwer fiel, Hilfe anzunehmen oder gar darum zu bitten, tut sie es heute.

Beim Thema Hilfe kommt sie wieder auf die Trauerbegleitung von Lavia zurück. „Das ist sehr wichtig, weil es ganz viel zu besprechen und zu klären gibt. Der Trauerverein ist die beste Adresse für uns.“ Das betroffene Umfeld, sagt Ute Drinkmann, sei emotional zu nah dran.

Lavia habe ihren David stark gemacht. „Er trägt sein Schicksal tapfer, ist auch fröhlich. Ich bin mir ganz sicher: David schafft das“, sagt Ute Drinkmann. Sie muss nicht erklären, was er schaffen wird . . .
Behutsame Gespräche in der Schule über Traurigkeit

„Der Trauerverein ist die beste Adresse für uns“: Damit bringt Ute Drinkmann die Bedeutung der Trau-erbegleitung im Gespräch mit der WAZ auf den Punkt.

„Wir machen David stark“, sagt Mechthild Schroeter-Rupieper. Dazu gehört(e) im speziellen Fall auch, dass sie unter anderem Davids Klasse in der Ev. Gesamtschule Bismarck und die Pfadfinder besucht hat, um mit den jungen Menschen über Traurigkeit zu sprechen. Und dabei behutsam Verständnis für die Lebenssituation eines Teenagers aus ihrer Mitte geweckt hat, ohne ihn allerdings zu outen. Die Gespräche kamen dann von selbst in Gang.

„Kinder schützen in der Regel ihre Eltern. Da ist es schon gut, wenn David zu seiner Mutter auch sagen kann: ,Ich weiß nicht, wie es ohne dich weiter gehen soll‘,“ erzählt die Trauerbegleiterin. Die kranke Mutter selbst sieht die Erfolge der Unterstützung im Alltag. Jüngstes Beispiel: David hat trotz seiner Angst, genau dann, wenn er nicht da ist, könnte Mama etwas zustoßen, losgelassen, ist in die Jugendferienfreizeit gefahren. „Ich bin so stolz auf ihn, dass er das geschafft hat“, betont Ute Drinkmann. Weil es auch ein Stück Normalität ist, etwas, was dem Jungen gut tut.
Finanzierung durch Spenden

106 Kinder und Jugendliche aus Gelsenkirchen und anderen Städten des Ruhrgebiets unterstützt der Förderverein Trauerbegleitung e. V. aktuell in den Lavia-Trauergruppen, dazu Einzelne oder Familien in akuten Situationen. Wie bei den Drinkmanns. „Jede Woche kommen Anfragen für Kinder und Jugendliche aus Krankenhäusern, Hospizen, Schulen, Kitas, Jugendämtern, Erziehungsberatungsstellen, aus der Notfallseelsorge und Arztpraxen dazu“, so Schroeter-Rupieper.

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Die Trauergruppenarbeit wird ausschließlich durch Spenden finanziert. 13 qualifizierte Leute arbeiten an der Seite von Lavia-Gründerin Schroeter-Rupieper in den Gruppen mit. Auch David besucht wieder eine Gruppe. Was die Mutter bewegt, wie es ihr seelisch geht, darüber sprechen die Frauen bei Kaffee und Wasser in Ute Drinkmanns Wohnzimmer. Oft geht es um den Jungen. Manchmal auch um Angst und Tod.
Fröhliches Ferienerlebnis mit dem Vater im Buch voller Erinnerungen

Im St. Josef-Hospital in Horst ist Ute Drinkmann regelmäßig an jedem Donnerstag. Chemotherapie. „Die Leute dort sind einfach klasse. Ich fühle mich dort gut aufgehoben“, sagt Ute Drinkmann. Die durchaus in Sarkasmus geübt ist. Denn als ihr der behandelnde Arzt kürzlich mitteilte, „wir machen jetzt mal eine Chemo-Pause“, da habe sie ihm geantwortet: „Das geht aber nicht, mein ganzer Wochenplan gerät durcheinander.“

David – er besucht die Ev. Gesamtschule in Bismarck und ist unter anderem Mitglied bei den Pfadfindern – hat in der Trauergruppe gelernt, was ihn trotz Trauer und Traurigkeit stark macht im Leben. In dem 2012 von Mechthild Schroeter-Rupieper heraus gegebenen Buch voller Erinnerungen („Niemals geht man so ganz“) hat er sogar eine fröhliches Urlaubserlebnis mit seinem Vater in einem Ferienpark in Bayern beschrieben.

Wer die Arbeit des Fördervereins Trauerbegleitung e.V. etwa mit Spenden unterstützen möchte, kann sich auf der Homepage des Vereins informieren.

  • Förderverein Trauerbegleitung e.V.
    Sparkasse Gelsenkirchen
    IBAN: DE18 4205 0001 0160 1452 79
    BIC: WELADED1GEK

 

 

„Und dann habe ich meinem toten Sohn das weiße gebügelte Hemd angezogen.“

  • Janne ist 8 Jahre alt, als er stirbt.
    Die Eltern sind bei Janne, als er verstirbt. Und sie wissen, dass sie ihn nicht im Krankenhaus lassen möchten, nicht direkt in die Leichenhalle oder zum Bestatter bringen müssen.
    Sie wissen, dass sie ihren Jungen noch einmal nach Hause holen dürfen.
    Das darf jeder, die Aufenthaltszeiten sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, da kann man sich beim Bestatter erkundigen.
    Ich lerne Britta, Jannes Mutter, in meinem Familientrauerbegleiterkurs von Lavia als Teilnehmerin kennen.
    Wir sprechen an diesem Ausbildungswochenende über die Wichtigkeit der Trauerzeit zwischen dem Eintritt des Todes und der Beerdigung.
    Diese Zeit hat eine große Bedeutung, weil der Tote noch da, sichtbar, greifbar…der Tod begreifbar sein kann.
    Diese „körperliche“ Zeit über der Erde ist nun befristet, 3-5 Tage lang. Dann ist der Körper fort, beerdigt.
    An das Grab kann ich danach Jahre, lebenslänglich gehen, die Zeit am Sarg ist auf Tage begrenzt.

    Wir sprechen im Seminar auch über die Bedeutung von Ritualen in dieser Zeit.
    Tote werden in Deutschland gewaschen. Das macht der Bestatter als selbstverständliche Dienstleistung. Aber, warum waschen?
    Als mein Vater starb, da war er sauber, meine Mutter und der Pflegedienst hatten ihn umsorgt. Es gab keinen Grund, dass der Bestatter ihn auszieht, auf einer Edelstahlbahre abduscht (wird das eigentlich warm oder kalt gemacht?) und danach ankleidet.
    Warum das Ganze?
    Das Waschen eines Toten ist ein spirituelles und persönliches Ritual, eine Segensgeste ähnlich der Taufe. Denn auch unsere Babys bekommen das Wasser am Taufbecken nicht übergegossen, weil sie schmutzig sind. Es hat einen anderen Sinn.
    Einen nahe stehenden kranken und später verstorbenen Menschen zu waschen, kann eine Zärtlichkeit, eine Wertschätzung sein.

    Klar, Urin läuft aus wenn man stirbt, weil auch unsere Schließmuskeln nicht mehr funktionieren. Aber das ist ja tatsächlich etwas, was man beseitigen kann, dafür benötigt es keine Ganzkörperwaschung, keine Dusche.
    Es können „nur“ das Gesicht, die Hände, die Füße, ja, evt. der Intimbereich (wenn dieser Bereich ungewohnt und unangenehm zu waschen ist, kann auch der Pflegedienst oder Bestatter dabei um Hilfe gebeten werden) mit einem Waschlappen gereinigt werden. Die Haare kämmen, etwas Parfum der Frau oder Aftershave für Männer auflegen, wenn es zu diesem Menschen passt. Dem Mädchen die Haare kämmen, Zöpfe flechten, ein Tuch umbinden, dem Jungen Haargel ins Haar…wenn er das auch zu Lebzeiten cool fand.
    Es ist ein „reine-machen“, ein „schön-machen“, ein „noch-mal-berühren-dürfen“. Ja, vielleicht auch für einige ein „noch-mal-alles-ordentlich-machen“.

    Es ist ein Be-„greifen“ für den Trauernden. Der Mensch, der gestern, der vorhin noch lebte, er bewegt sich nicht mehr. Er ist erkaltet, ersteift. Er sieht anders aus, er fühlt sich anders an.
    Das Leben in ihm fehlt. „Er lebt nicht mehr.“ Auch das ist ein Sinn des Waschungrituals.

    Britta erzählt im Seminar, dass Sie und ihr Mann Janne gewaschen haben. Er war acht Jahre alt, als er an den Folgen seiner Krebserkrankung starb. Eine Schüssel mit warmen Wasser und Badezusatz haben sie auf einen Hocker neben das Bett gestellt. Ja, Janne ist tot. Für seinen leblosen Körper ist es sicher egal, ob er kalt oder warm, ob er überhaupt gewaschen wird. Für Jannes Eltern ist es nicht egal. Janne ist ihr Kind, ihr Junge. Auch wenn er tot ist.
    Was sie beim Waschen vielleicht weinen lässt, ist Trauer. Aber sie haben keine Berührungsängste.
    Nachdem Janne abgetrocknet ist, hat Jannes Vater ihm die Zähne geputzt.

    Als Britta davon in der Kursgruppe erzählt, frage ich nach. „Warum hat dein Mann das gemacht? Zähneputzen, bei einem toten Kind? Braucht es das noch?“
    Ich frage nach, weil ich genau an diesen Beispielen die wichtige Bedeutung des Rituals, auch eines Familienrituals, aufzeigen möchte.
    Britta antwortet: “Ich weiß nicht…nein, Janne brauchte das Zähneputzen nicht unbedingt.“ Sie lacht.
    „Das hat er lebend auch nicht immer freiwillig gemacht. Aber, meinem Mann war das so wichtig! Mir selber eher weniger.
    Weißt du, verrückt vielleicht…, aber als wir Janne anzogen, da habe ich mich ans Bügelbrett gestellt und sein weißes Hemd extra gebügelt. Das mit dem bügeln brauchte ich. Das war mir ganz wichtig. Und dann habe ich es ihm angezogen.“
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    Wissen Sie, wovon Britta da im Kurs erzählt hat? Nicht von Hygiene und ordenlich aussehen. Sie hat von Elternliebe, von Elternfürsorge gesprochen. Ein Vater, der seinem Kind noch einmal die Zähne putzen möchte, kann, darf. Eine Mutter, die extra für ihr Kind noch einmal das Hemd bügelt.
    Hier haben ein Vater und eine Mutter in Liebe eine für ihren Jungen UND für sich selbst bedeutsame Handlung ausführen dürfen.
    Das benötigt eigentlich keine weiteren Erklärungen.
    Alle im Seminar begreifen mit.

    Der Sinn des Waschungs- oder Ankleidungs-Rituals ist in der Gesellschaft oftmals verloren gegangen. Selten lehren weder Kirche, noch Schule, Pflegepersonal, Mediziner Notfallseelsorge, Krankenhauspsychologen, Bestatter, Nachbarn oder Großeltern uns diese spirituelle Bedeutung.
    Die Hospiz- und Trauerarbeit hat schon vieles in dem Bereich verändert, aber meiner Meinung nach reicht es noch lange nicht aus.
    Es geht nicht darum, dass wir nun alle Toten, auch die uns nicht nahe Stehenden, selber zurecht machen sollen. Es geht aber darum, dass wir das oft selber -sinnvoll- entscheiden dürfen.
    Wir dürfen in Trauerzeiten nicht einfach blind glauben „Das macht man in Deutschland bei Beerdigungen so“.
    Nein, alle Rituale wie Aufbahrung, Waschung, Einkleidung, Rosenkranz in der Hand, gefaltete Hände im Sarg, Kerzen, Trauerfeier, Kreuz auf dem Sarg, Lieder, Kränze, Weihrauch, Erdwurf,…bis hin zur Grabumrandung haben ursprünglich einen Sinn gehabt. Den können wir für uns überprüfen und dann entscheiden, ob wir das Ritual nutzen, ändern oder einfach sein lassen.

    Wenn ich das für mich selber überlege…ok, ich glaube schon, dass nach meinem Tod mein Körper einer leeren empfindungslosen Hülle ähnelt… dennoch habe ich mein Fühlen heute, wenn ich darüber nachdenke. Ich möchte später auf keinen Fall in dem Hygieneraum beim Bestatter liegen und von ihm abgeduscht werden. Das habe ich für mein Sterben schriftlich festgelegt. Wenn mein Mann, meine Kinder, meine Geschwister mir nicht selber meine dicken grauen gestrickten Lieblingssocken anziehen wollen, mit einem Waschhandschuh noch einmal den Schweiß im Gesicht abwischen, vielleicht roten Nagellack auf die Fingernägel auftragen, dann darf der Sarg auch ohne all das zu gemacht werden. Das ist völlig ok.

    Übrigens soll ich Sie von Britta grüßen. Sie fand den Gedanken gut, dass ich dazu einen Text schreibe. Sie fand es schön, dass darin Jannes Name erwähnt wird. Und auch sie würde es freuen, es würde viele Reaktionen auf den Förderverein Trauerbegleitung e.V. geben, denn oft kann nur aufgrund seiner schnellen Hilfe jungen Familien geholfen werden.

    Förderverein Trauerbegleitung e.V.
    Sparkasse Gelsenkirchen
    IBAN: DE18 4205 0001 0160 1452 79
    BIC: WELADED1GEK

    Vielen herzlichen Dank!

 

 

Trauerbewältigung- „Eigentlich ganz einfach“, sagt Pit, 17

Dieses Wochenende leite ich für den ambulanten Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienst Lippe e.V. eine Basisausbildung Kinder- und Jugendtrauerbegleitung, Teil 2. Eine Hausaufgabe vom letzten Mal bestand darin, Kinder oder Jugendliche auf ihre Trauertaktiken anzusprechen, zu befragen und es dann mit dem abzugleichen, was Kursinhalt beim 1. Teil war.

Clara, eine Teilnehmerin berichtet: „Mein 17 jähriger Sohn Pit fragte, als ich nach Hause kam: „Was für’n Kurs hast du da noch mal besucht?“ Ich sagte: „Einen zu Trauer bei Jugendlichen und Kindern. Und da würde ich dich gerne was fragen: Bist du manchmal traurig?“ Er lacht und sagt: „Das ist ja das Coole! Ich bin nie traurig.“ Dann geht er weg, kehrt um und sagt: „Doch, mir fällt’s ein. Ich bin doch regelmäßig traurig. Jeden Montagmorgen….“
„Ach“, sagt Clara zu ihm. „Und, welche Strategie hast du, dann mit deiner Trauer umzugehen?“ Pit schaut sie an und antwortet: „Na, ist eigentlich ganz einfach. Ich freu mich einfach auf Freitag…“ Dreht sich um und verschwindet in seinem Zimmer.

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